Frau Merkel, Kamala, Michelle und ich

Triggerwarnung: in diesem Artikel geht es um emotionale Gewalt und Narzissmuss. Bitte überlege dir genau, ob du diesen Artikel lesen möchtest.

Heute Nacht hatte ich einen Traum:

Auf einer Großveranstaltung war ich eingeladen, gemeinsam mit den Spitzenfrauen der Politik ein Statement über die Zukunft weiblicher Führung abzugeben. Neben Frau Merkel, die etwas müde, aber trotzdem stark wirkte, standen Madame VP Harris und die ehemalige Präsidentengattin Michelle Obama auf dem Podest. Und- ich.

Nach kurzem Smalltalk und ein paar Posings für die Presse lachten wir und probierten ein paar Gesten aus, die die Zukunftsrichtung für Frauen in Führung und Politik symbolisieren sollte. Verschränkte Arme vor der Brust- nein, zu ablehnend. Augen zu, Mund zu, Ohren zu? Hatten wir doch schon lange. Schließlich kamen wir zu einer Geste, auf die wir uns alle vier einigen konnte- der linke Arm in guter Dap-Manier mit dem Finger nach oben zeigend, von einem Lächeln garniert. Siegerpose, weiblich, Zukunft!

Die Presse war begeistert….dann wachte ich auf.

Nichts ist schlimmer, als aus einem Hochgefühl in eine Realität zurückzukommen, die Lichtjahre davon entfernt ist. Aber es war doch nur ein Traum, warum die Aufregung? Um zu begreifen, warum mich das Aufwachen so schmerzte, muss man ein paar Details aus meinem Privatleben wissen.

Erstens: Ich war sieben Jahre lang mit einem Mann zusammen, die Beziehung endete kürzlich. Zweitens: Er war ein versteckter Narzisst.

Als gut gebildete Frau, die in Beratung und Coaching arbeitet und schon viele Jahre Berufserfahrung nachweisen kann, bin ich in meiner Arbeit darauf spezialisiert, Beziehungsdynamiken zu analysieren, systemische Verstrickungen zu erkennen und den Menschen in meiner Beratung Hilfestellung zu geben, wie sie sich selbstliebevoll aus unguten Mechanismen befreien können.

Geholfen hat das wenig:

Ähnlich wie der Zahnarzt, der seine eigenen Zähne nicht selbst flicken kann, konnte ich mein ganzes Wissen hier nur anwenden, um zu erkennen, in welcher Situation ich mich befinde. Mich aus der emotionalen Missbrauchsbeziehung tatsächlich herauszuschälen hat lange gedauert.

Warum?

Zum einen war da der Glaube, dass es in jedem Menschen einen guten Kern gibt- ein Grundpfeiler meiner Beratungsarbeit, den ich nicht einfach über Bord werfen konnte, auch nicht, um mich selbst zu retten. Ich habe also lange Erklärungen gesucht, Ausreden gefunden und nicht wirklich genau hingeschaut.

Streit? Haben alle in Beziehungen. Ablehnung? Er arbeitet doch noch an sich. Geplatzte Versprechen? Seine Arbeit ist auch wirklich stressig. Vielleicht stelle ich mich auch an. Dass all das Methode hatte, erkannte ich erst wirklich spät. Ich wollte so gerne an das Gute glauben.

Dann war da die Angst, dass man mir nicht glauben könnte- und dass victim Blaming, also die Schuld auf das Opfer zu schieben, auch bei mir stattfinden könnte. Was würden meine Kolleg:innen sagen? Wäre ich auf einmal unglaubwürdig, eine schlechtere Beraterin? Würden mir Klient:innen weglaufen, so als müsste ich selbst unfehlbar sein, um arbeiten zu dürfen? Was würden Freund:innen denken, wenn ich bekenne, dass ich emotionalen Missbrauch erlebe? Würden sie mich schief ansehen? (Leider ja.) Ich schämte mich selbst und erwartete wenig Beistand von Außen.

Und dann die eigenen Gefühle: Alleine sein, mit Anfang 40, schon wieder ein Neustart- schaffe ich das? Will ich das? Oder glaube ich lieber noch ein wenig länger den falschen Versprechungen von gemeinsamer Zukunft, die er immer dann nach einem Sterit oder meinem Rückzug gekonnt einsetzte- ohne auch nur ein einziges davon einzulösen.

Zusätzlich dazu hatte er mir eingeredet, dass ich mir alles nur einbildete: „Es findet alles nur in deinem Kopf statt“- sein Lieblingssatz, den er immer dann brachte, wenn ich ihn ausargumentiert hatte, bevor er sich tagelang zurückzog.

Alles „gute Gründe“, weiter in der Beziehung zu bleiben und die emotionalen Schmerzen zu ertragen: Erniedrigung, Entwertung, Abweisung, Verhöhnen, Missachtung, meine Worte umdrehen, nicht zuhören, gaslighting- alles dabei. Und: Auf der Alltagsebene waren die “guten” Zeiten immer noch vorhanden, so dass ich mich selbst immer wieder in Frage stellte und an mir arbeitete, um den Grund für die Streitigkeiten endlich abzustellen.

Von Außen betrachtet sah die Geschichte einfacher aus:

Geh doch einfach, du hast etwas besseres verdient, warum tust du dir das an…alles wenig hilfreiche Worte, die Freund:innen mir rieten, ohne zu wissen, dass eine narzisstische Beziehung davon geprägt ist, dass eine Traumabindung zwischen Narzisst und Bezugsperson hergestellt wird.

Diese basiert auf dem abwechselnden Geben von Belohnung und Bestrafung- so dass die Bezugsperson wie ein Hund trainiert wird, immer die Belohnung zu erwarten bzw auf sie zu hoffen, während weiter die Bestrafung überhand nimmt. Dopaminschleifen im Hirn, dh im Belohnungszentrum, sorgen dafür, dass auch körperlich eine Abhängigkeit entsteht- und hier genau kann die Bezugsperson, also konnte ich, nicht einfach aussteigen, denn der ENTZUG war wie die Hölle und tatsächlich körperlich.

Bis mir all das bewusst wurde, steckte ich schon zu tief in der Beziehung und in der körperlichen Abhängigkeit. Dank einer sehr guten Freundin, die die Thematik erkannte, konnte ich erste Schritte aus dem Netz gehen. Endlich verstanden zu werden, ohne neue Schuld- und Schamgefühle projeziert zu bekommen- HEILUNG PUR.

Der Heilungsweg dauert an, und deshalb war ich über meinen Traum so von Herzen glücklich, der mir folgendes zeigte:

  • Egal in welcher Lage Frauen sich befinden, es gibt ein Netzwerk, das stützt und trägt.
  • Die Zukunft ist eine andere als die Vergangenheit, jeder Schritt dorthin lohnt sich.
  • Frauen verändern die Welt, wenn sie sich zu erkennen geben, sich öffnen, an sich glauben und sich auf den Weg der Heilung machen.
  • Deine Narben, auch deine seelischen, machen dich ganz.
  • Ganz egal, woher du kommst, du hast Erfolg, Wohlstand, Liebe und Gesundheit an Körper und Seele verdient.

Das ist mein Learning aus den letzten sieben Jahren. Ich bin noch da, unabhängig dessen, was der Narzisst mir glauben machen wollte. Mein Kern ist unzuerstörbar, und ich befinde mich auf dem Weg der Besserung.

Es mag sein, dass es Menschen gibt, die mir diesen Teil meiner Selbstwerdung ausreden wollen, die sagen, es war meine “Schuld”, oder die mit dem Täter sympathisieren. Das können sie gerne tun- ihre eigenen blinden Flecken zeigen sich sicher auch früher oder später, und dann steht ihre eigene Arbeit an.

Weiteres Blaming und Shaming wird mich nicht daran hindern, mich zu zeigen- mit den Brüchen und Narben, die in den letzten Jahren entstanden sind, und mit all meiner Erfahrung auf diesem Gebiet. Das ist der Gewinn, der mir bleibt: Dass ich weitergehe, und lerne, und anderen nun noch besser helfen kann. Dass ich jederzeit zu mir selbst finden kann, und dass die Verbesserung manchmal nur ein Gespräch weit entfernt ist.