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Der Vogel und die Krabbe

Weil das Leben zu kurz ist, um zu warten.

In einem Land, in dem die Tiere noch tun konnten, was sie wollten, lebte eines Tages ein kleiner Vogel. Er war bunt, mit reizendem Gefieder, das er weit ausbreiten konnte und das in allen Farben des Regenbogens schimmerte. Gerne flog der Vogel hin und her, sah sich Orte an, die er noch nicht gesehen hatte und lernte so viel Neues kennen.

Bei einem seiner Ausflüge traf der Vogel auf ein Wesen, das ihn faszinierte: Rot schimmerte sein Panzer, zwei Scheren klapperten dort, wo des Vogels Flügel saßen, und sanft schaute es mit seinen Stielaugen in die Welt. Es war das schönste unbekannte Tier, das der Vogel jemals gesehen hatte. Wer bist du, fragte der Vogel, aber das Wesen antwortete nicht. Da das unbekannte Tier aber so schön war, ließ sich der Vogel auch ohne Antwort neben dem Wesen nieder und wich ihm von da an nicht mehr von der Seite.

Eines Tages brach das rotglänzende Wesen zu einer Reise auf. Der Vogel wusste nicht, wohin die Reise gehen würde, aber er war bereit, mitzufliegen, weil er das Wesen so gerne mochte. Sie brachen auf, und der Weg dauerte lange. Endlich kamen sie an einem Strand an, und das Wesen setzte sich in den Sand und wartete. Was tun wir hier? fragte der Vogel, der es nicht gewohnt war, so lange an einem Platz zu verweilen. Wir warten, sagte das Wesen, und vergrub sich im Sand. Einige Stunden vergingen in Stille. Der Vogel versuchte, sich die Zeit nicht zu lange werden zu lassen: Er flog hierhin und dorthin, übte, auf einem Bein zu stehen und putze sich das Gefieder.

Weitere Stunden vergingen, und langsam wurde es dunkel. Der Vogel fürchtete sich ein wenig, da er nirgendwo einen Baum sehen konnte, auf den er sich bei Gefahr hätte fliehen können. Aber er vertraute dem rotglänzenden Wesen. Still saß er neben der Mulde, die sich das Tier gegraben hatte und betrachtete den Sand. Lange geschah nichts. Dann, als die Dunkelheit am schwärzesten war, öffnete das Wesen die Augen. Ganz langsam schälte es sich aus seiner Mulde heraus. Der Vogel war während der langen Zeit des Wartens sehr müde geworden. Aus Angst hatte er versucht, es dem Wesen gleichzutun und sich ein Loch zu graben, das ihn schützen würde. Kalt und nass war es ihm dort vorgekommen und schrecklich alleine. Als das Wesen sich ausgegraben hatte, stand der Vogel ebenfalls auf. Sand verklebte nun sein Gefieder, und die Regenbogenfarben, die sonst so bunt geglänzt hatten, waren verblasst.

Weil des dem unbekannten Tier noch immer vertraute, schüttelte es seine Flügel und fragte: Wohin gehen wir? Das Tier antwortete nicht. Von fern rauschten die Wellen und sangen ein Lied, das der Vogel noch nie zuvor gehört hatte. Es klang wie ein Rufen. Schweigsam setzte sich das Wesen in Bewegung, hin zu dem Rufen. Vorne am Wasser machte es Halt. Was tun wir nun? fragte der Vogel, dem die die tiefe Dunkelheit des Meeres Angst machte. Wir tauchen, sagte das rotglänzende Wesen. Ohne einen letzten Blick aus den sanften Augen ließ es sich ins Wasser gleiten. Lass mich nicht zurück, weinte der Vogel, der wusste, dass er nicht tauchen konnte. Aber das Wesen kam nicht zurück. Außer dem Rauschen der Wellen war nichts mehr zu hören.

Eine Weile noch wartete der Vogel an der Stelle, an dem das wunderschöne Tier ins Wasser gegangen war. Schwer war sein Herz in all der Dunkelheit um ihn herum. Es war eine lange und anstrengende Reise gewesen, und er hatte sich weit von dort entfernt, wo er die Bäume kannte und wo es Nahrung für ihn gab. Die Kälte hatte sein Gefieder zerzaust und sich tief in sein Herz gegraben. Ich sitze hier, bis ich weiß, was ich tun soll, dachte der Vogel und steckte seinen Kopf unter den Flügel.

Nach einer dunklen Ewigkeit ging endlich die Sonne auf. Warm tanzten ihre Strahlen über die Sandkörner, die unter dem Licht anfingen zu leuchten. Der Vogel spürte, wie auch ihm es leichter um sein Herz wurde. Je länger er dort saß und sich wärmte, desto mehr kehrte die Farbe in ihn zurück. Der Wind unter seinen Federn! Das Rauschen im Flug! Wie hatte er nicht merken können, dass er das vermisste?
Nachdem ihm ganz warm geworden war, schüttelte er sich und spreizte zögerlich seine Flügel. Sie hatten noch nichts von ihrer Wendigkeit eingebüßt.

Krabben tauchen, dachte er sich. Und Vögel fliegen. Sprach`s, und flog mit Regenbogenflügelschlag davon.