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Papas kleiner Junge- Goodbye.

Manchmal überrasche ich mich noch selbst, wenn ich meditiere: Dann tauchen plötzlich Bilder auf, die ich im Leben nicht mehr als “unbearbeitet” gelabelt hätte, und sie wollen Respekt. Dieser Artikel wird daher autobiografisch, stellvertretend für alle, die auf einem ähnlichen Weg sind.

Im Laufe meiner Entwicklung habe ich mich nicht immer vollständig okay damit gefühlt, eine Frau/ ein Mädchen zu sein. Als Erstgeborene in einer Familie, in der ich das Glück hatte, mit 4 Generationen aufzuwachsen, fiel mir früh auf, dass es zwei Welten gab:

Eine für die Frauen, zu der meine Mutter und meine Großmutter gehörten (sowie deren Schwestern und Mütter/ Schwiegermütter), und einen Raum, der den Männern vorbehalten war. Es handelte sich nicht um sichtbare Räume, d.h. mein Vater betrat durchaus die Küche und kochte, und er half auch, wenn er anwesend war, beim Zubettbringen von uns Kindern. Aber insgesamt waren die Räume unsichtbar voneinander getrennt, mit einigen Überschneidungen und verschiedenen „Sprachen“, die in beiden gesprochen wurden.

Als Mädchen war ich ausgeschlossen von gewissen Aktivitäten und Gesprächen in einem der Räume, und das hat mich nachhaltig geprägt.

Ich erinnere mich daran, wie es bei Familienfesten immer ab einem gewissen Zeitpunkt dazu kam, dass sich die Männer im Hof versammelten und sprachen. Ich wollte dabei sein, wollte die Informationen erhalten, um die es ging und wollte mitsprechen, denn es ging um wichtige Themen wie Geld, Erbschaften, Familienbesitz und weitere Planungen für Haus und Hof.

Während mein kleiner Bruder von früher Kindheit an dazu ermutigt wurde, dabei zu sein, holte mich meine Großmutter dann oft mit Beschwichtigungen und Kuchen (!) zu sich, mit den Worten “lass die Männer reden, wir machen es uns hier schön”.

Und dann wurde ich zu den anderen Frauen in die Küche gesetzt.

Dort wurden Beziehungen besprochen, wie es den Kindern geht, was die Nachbarinnen machen und wo es wem wehtat und warum. Es ging um Geburten und Hochzeiten und Taufe und Tod.

Nebenbei wurde der nächste Essensgang vorbereitet, der Tisch gedeckt, gespült, der Kuchen umgeschichtet, Mitgabe-Tellerchen gepackt und Likör getrunken.

Von draussen hörte man das Lachen der Männer, und ich fühlte mich betrogen.

Irgendwann merkte ich, dass ich als Frau in meiner Familie weniger Anerkennung erhalte. Ich war eben kein Mann, sondern nur, ein Mädchen. Der Raum des Außen war für mich geschlossen, und mit ihm die Anerkennung der Männer in ihm.

Das führte dazu, dass ich mich umso mehr anstrengte, um meinen Vater stolz zu machen: Leistung in der Schule, Leistung im Sport, politisches Interesse… es half nichts. Obwohl ich zum perfekten Sohn geworden war, erhielt ich seine Anerkennung nicht. Im Gegenteil fasste er mein politisches Engangement als Affront auf, meine Ideen als Einmischung, meine Meinung als unpassend. Ich konnte nichts finden, was seinen Stolz erweckt hätte.

Die Noten wurden erwartet, die Erfolge „selbstverständlich“ oder „längst überfällig“.

Bis hierhin ist es keine besondere Geschichte. Viele Frauen wünschen sich die Anerkennung des Vaters und erhalten sie doch nicht.

Was besonders ist, ist das Ausmaß, in dem ich noch viele Jahre lang versucht habe, die Rolle des Erstgeborenen zu erfüllen- als Mann:

Als Einzige in der Familie habe ich einen höheren Schulabschluss. Ich habe als Einzige studiert. Ich bin als Einzige Selbstständig. Ich habe unseren Familiennamen in der Ehe behalten und für Nachwuchs gesorgt. Ich habe mich auf finanziell stabilen Grund gestellt und die Existenz viele Jahre lang alleine für meine Kinder gesichert. Nun bin ich kurz vor Abschluss der Promotion und füge den Leistungen einen Doktortitel hinzu.

Und das ist noch nicht alles, denn ich habe auch alle Erwartungen an die Erstgeborene erfüllt, als Frau:

Ich habe Kinder in die Familie gebracht. Ich habe meinen Vater und meine Tante gepflegt. Ich bin ins Haus der Familie gezogen, nachdem mein Vater gestorben ist und habe mich meiner Großmutter angenommen. Ich habe meine Kinder alleine erzogen und ihre Erziehung und Versorgung in den Vordergrund gestellt, und dabei so manchen Traum hinten angestellt.

Das alles habe ich gleichzeitig geschafft.

Und doch gibt es Tage, an denen ich mir heute, als erwachsene Frau, nicht sicher bin, ob ich erfolgreich bin. Ob es einen Wert hat, was ich erreicht habe und ob ich es mir leisten kann, loszulassen.

Ich kenne diese Zweifel nicht nur von mir, sondern von vielen Frauen in der Beratung.

Bin ich genug?, fragen sie, und stemmen alles auf einmal, mit Kind und Haushalt und Erziehung und Familienpflichten und Berufsarbeit und vielem mehr.

Bin ich wirklich genug?

Nein, sind wir nicht. Wir sind nicht genug. Wir sind ausladend. Üppig. Opulent. Großartig. Voller Präsenz. Bombastisch. Wunderbar!

Nur genug für die, die wir einmal beeindrucken wollten, sind wir immer noch nicht.

In der Meditation wurde mir heute bewusst, dass ich den kleinen Jungen/Mann verabschieden muss, zu dem ich geworden bin. Dass ich liebevoll danke sagen darf zu diesem Anteil in mir, der sein weiches, warmes, tierliebes, beobachtendes Herz eingetauscht hat gegen Leistungsstreben und Perfektion, der die Welt der warmen Küche abgelehnt hat und seinen Körper für die Rundungen verteufelt.

Der gefallen wollte, dazugehören, um jeden Preis, weil es die Erwachsenen in seinem Leben nicht geschafft haben, okay mit der Fülle zu sein, die er mitbringt.

Die SIE mitbringt.

Ich sage daher WILLKOMMEN zu dem weichen, zarten, emotionalen und heilsamen Anteil in mir. Es ist okay. Hab keine Angst. Du darfst einfach SEIN. Du musst nicht leisten, um okay zu sein.

Jetzt, damit, eröffnet sich eine neue Welt. Sie findet nicht mehr nur in Küchen statt und leise ist sie auch nicht. Sie kennt die Regeln beider Gebiete und vertraut auf ihre Schaffenskraft.

Aber sie kann auch den nehmenden Anteil genießen, wenn sie sich in einer Gruppe von Gleichgesinnten wiederfindet, in der sie in Sicherheit ist. Sie freut sich, wenn sie gefragt wird: “Und, wie geht es dir? Erzähl doch mal”, und sich warm und aufgehoben fühlen kann, bevor sie wieder in die andere Welt abtaucht. Sie kennt nun beide Welten und wechselt zwischen beiden hin und her, ohne sich selbst zu verleugnen.

Sie ist in sich zuhause.